Eine Bordeaux-Jahrgangstabelle hilft nur dann wirklich, wenn sie mehr kann als gute und schwächere Jahre zu sortieren. Ich nutze sie vor allem als Orientierung für Stil, Lagerpotenzial und Kaufzeit, denn in Bordeaux entscheiden Wetter, Lage und Erzeuger oft gemeinsam über die Qualität einer Flasche. Genau deshalb ordne ich die wichtigsten Jahrgänge hier so ein, dass du 2026 schnell erkennst, welche Weine jetzt Sinn ergeben und welche du besser noch liegen lässt.
Die wichtigsten Bordeaux-Jahrgänge auf einen Blick
- 2022, 2020, 2019, 2016 und 2010 gehören zu den sichersten Referenzen für kräftige rote Bordeaux.
- 2024 ist klein, präzise und eher etwas für selektive Käufe als für pauschale Kaufempfehlungen.
- 2021 und 2023 sind deutlich stärker vom Château, der Lage und der Sortierung abhängig.
- Linkes Ufer und rechtes Ufer reagieren unterschiedlich auf Hitze, Regen und Erntefenster.
- Für trockene Weiße und Süßweine braucht es eine eigene Lesart, nicht nur die Rotwein-Brille.
So lese ich eine Jahrgangstabelle für Bordeaux richtig
Ich lese Bordeaux-Jahrgänge nie als starre Rangliste. Der gleiche Herbst kann im Médoc großartig sein und in Saint-Émilion nur ordentlich, weil Cabernet Sauvignon und Merlot auf Wetter und Reife unterschiedlich reagieren. Genau das ist der Grund, warum Bordeaux.com Jahrgänge eher als unterschiedliche Geschichten beschreibt als als feste Siegerliste.
Für die Praxis heißt das: Nicht nur das Jahr zählt, sondern auch die Appellation, die Rebsorte und die Frage, ob du den Wein jung trinken oder noch einige Jahre liegen lassen willst. Eine starke Jahrgangstabelle beantwortet deshalb immer drei Fragen zugleich: Wie war das Klima, wie ist der Stil geworden und wie viel Geduld braucht die Flasche noch?
Wer diese drei Ebenen trennt, macht deutlich weniger Fehlkäufe. Das ist besonders wichtig bei Bordeaux, weil ein guter Name im Etikett noch lange keinen gleich guten Jahrgang ersetzt. Deshalb lohnt sich als Nächstes der Blick auf die drei Weinarten, die Bordeaux so unterschiedlich machen.
Rot, weiß und süß folgen in Bordeaux eigenen Regeln
Die größte Fehlerquelle ist die Annahme, dass ein starker Bordeaux-Jahrgang automatisch für jede Weinstilistik gleich gut ist. Das stimmt in dieser Region nur selten, weil rote Cuvées, trockene Weißweine und Süßweine auf ganz unterschiedliche Wetterverläufe reagieren.
Rote Bordeaux
Bei Rotwein sind warme, trockene Spätsommer und ein sauberer Herbst besonders wertvoll, weil sie Cabernet Sauvignon auf dem linken Ufer und Merlot auf dem rechten Ufer ausreifen lassen. Zu viel Regen kurz vor der Lese kann den Unterschied zwischen straff und ausgewogen oder zwischen sauber und etwas grün ausmachen.
Trockene weiße Bordeaux
Trockene Weiße aus Graves oder Pessac-Léognan profitieren oft von Frische und klarer Säure. In sehr heißen Jahren können sie zwar konzentriert sein, wirken dann aber manchmal breiter als viele Rotweintrinker erwarten. Gute weiße Bordeaux sind deshalb oft eher die leiseren Überraschungen einer Jahrgangstabelle.
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Süßweine
Bei Sauternes und Barsac zählt noch etwas anderes: Botrytis, also Edelfäule. Dafür braucht es eine heikle Mischung aus Feuchtigkeit, Sonne und Geduld im Herbst. Ein Jahr wie 2022 oder 2020 kann bei Rot groß sein, während ein Süßwein-Jahrgang ganz anders beurteilt werden muss.
Für Käufer ist das die entscheidende Konsequenz: Wer nur eine rote Tabelle betrachtet, übersieht leicht die interessantesten Flaschen im weißen oder süßen Bereich. Mit dieser Unterscheidung im Kopf liest sich die folgende Übersicht wesentlich präziser.

Die wichtigsten roten Jahrgänge im Überblick
| Jahrgang | Einordnung | Stil | Heute am sinnvollsten |
|---|---|---|---|
| 2024 | Klein, selektiv | Frisch, präzise, eher früh trinkbar | Nur starke Châteaux und gute Preise |
| 2023 | Heterogen | Fruchtig, frisch, teils floral | Lage und Produzent genau prüfen |
| 2022 | Herausragend | Reif, konzentriert, aber lebendig | Sehr sicherer Kauf |
| 2021 | Anspruchsvoll | Kühler, klassischer, oft straffer | Selektiv kaufen |
| 2020 | Außergewöhnlich | Dicht, klar, harmonisch | Starkes Lagerjahr für Rot |
| 2019 | Sehr stark | Ausgewogen, tief, elegant | Eine der besten Allround-Optionen |
| 2018 | Sehr stark | Kräftig, strukturiert, langlebig | Für Geduldige |
| 2017 | Gemischt | Leichter, früher zugänglich | Nur Top-Adressen |
| 2016 | Herausragend | Frisch, tanninreich, präzise | Benchmark-Jahrgang |
| 2015 | Stark und reif | Großzügig, heute gut trinkbar | Jetzt sehr attraktiv |
| 2014 | Solide | Mittelgewichtig, aromatisch | Gutes Preis-Leistungs-Jahr |
| 2013 | Schwach | Leicht und ungleichmäßig | Eher meiden |
| 2010 | Moderner Klassiker | Straff, tief, lang lebend | Für lange Lagerung |
| 2009 | Legendär | Opulent, reich, voll | Für Fülle und große Weine |
Wenn ich diese Liste auf eine einfache Rangfolge herunterbrechen müsste, landen 2022, 2020, 2019, 2016 und 2010 ganz oben. Das passt auch zu Jancis Robinson, die 2010 und 2016 klar als Lagerjahrgänge einordnet. 2015 und 2014 sind heute oft die praktischeren Weine, weil sie schneller Freude machen. 2021, 2023 und 2024 sind keine automatischen Fehlgriffe, aber sie verlangen eine viel genauere Auswahl. Aus dieser Liste ergibt sich ziemlich klar, welche Jahrgänge ich 2026 zuerst aufmache oder kaufe.
Genau an dieser Stelle trennt sich die bloße Sortierung von echter Weinkompetenz, denn die Frage ist jetzt nicht mehr nur „gut oder schlecht“, sondern „für wen, wann und wofür?“. Darauf gehe ich im nächsten Abschnitt ein.
Welche Jahrgänge ich 2026 besonders gern kaufe
2026 würde ich Bordeaux in vier Kaufsituationen denken.
- Für sichere Lagerkeller: 2022, 2020, 2019, 2016 und 2010. Diese Jahrgänge haben genug Struktur, damit sie in guten Lagen noch lange profitieren.
- Für heute und in den nächsten Jahren: 2015 und 2014, oft auch 2017 bei ausgewählten Châteaux. Hier ist das Trinkfenster für viele Flaschen bereits angenehm offen.
- Für value-orientierte Käufer: 2021, 2023 und 2024 können interessant sein, wenn die Qualität des Hauses stimmt und der Preis die Unsicherheit widerspiegelt.
- Für opulente, reife Bordeaux: 2009 ist die klassische Antwort, wenn du Fülle, Reife und Größe suchst statt kühler Strenge.
Ich achte dabei immer auf die Stilfrage: Will ich einen Wein mit Spannung und Reserven, oder suche ich jetzt schon zugängliche Aromatik? Das ist oft wichtiger als die Frage, ob ein Jahr eine Zehn von zehn war.
Wer Bordeaux in einem Restaurant oder als Geschenk kauft, fährt mit 2019 und 2016 selten falsch. Wer einen Wein für einen kurzfristigen Abend sucht, ist mit 2015 oder einem gut ausgewählten 2014er oft besser beraten als mit einem zu jungen 2022er. Für ältere Flaschen verschiebt sich die Frage dann vom Jahr zur Provenienz.
Ältere Jahrgänge, die noch immer spannend sind
Bei älteren Bordeaux höre ich mit den großen Etiketten nicht auf. Gerade bei klassischer Lagerware lohnt der Blick auf einige Referenzjahre, allerdings nur, wenn Herkunft und Lagerung stimmen.
| Jahrgang | Einordnung | Wofür er heute steht |
|---|---|---|
| 2000 | Ausgewogen und klassisch | Viele Weine sind jetzt am Peak oder knapp darüber, Top-Weine können noch tragen |
| 1996 | Stark und Cabernet-geprägt | Besonders spannend auf dem linken Ufer, wenn Struktur und Frische gesucht sind |
| 1990 | Legendär auf beiden Ufern | Großer Name, aber der Flaschenzustand entscheidet hier besonders viel |
| 1982 | Ikonisch und sammelwürdig | Nur mit sehr guter Provenienz wirklich überzeugend |
Bei solchen Jahrgängen ist der Zustand wichtiger als die statistische Stärke des Jahres. Füllstand, Kapsel, Lagerort und Vorbesitzer können mehr ausmachen als ein halber Punkt im Jahrgangsranking. Ich würde diese Weine deshalb nie blind kaufen, sondern immer als Einzelflaschen betrachten.
Das gilt umso mehr, weil ältere Bordeaux nicht nur mit dem Jahr, sondern auch mit der Lagergeschichte altern. Genau deshalb ist der letzte Schritt vor dem Kauf mindestens so wichtig wie die Tabelle selbst.
Was ich beim Kauf in Deutschland nicht übersehe
In Deutschland landen viele Bordeaux-Flaschen über Fachhandel, Auktionen, Direktimporte oder die private Sammlung. Ich würde einen Jahrgang nie isoliert kaufen, sondern immer zusammen mit Produzent, Appellation und Trinkfenster lesen.
- Linkes Ufer ist meist die bessere Wahl, wenn du Cabernet-Struktur, Länge und Lagerfähigkeit suchst.
- Rechtes Ufer punktet oft mit früherer Zugänglichkeit, kann aber in schwierigen Jahren stärker schwanken.
- Top-Châteaux halten auch in schwierigeren Jahren das Niveau besser als breite Mittelklasse.
- Junge Jahrgänge wie 2022 oder 2020 brauchen bei großen Weinen oft noch Zeit, selbst wenn sie schon viel versprechen.
- Alte Jahrgänge kaufe ich nur mit sauberer Provenienz, weil die Flasche dann oft wichtiger ist als der Name des Jahres.
Wenn du Bordeaux als Genusswein und nicht als Spekulationsobjekt kaufst, ist das eine gute Regel: lieber ein sehr gutes Haus in einem soliden Jahr als ein mittelmäßiges Haus in einem angeblich großen Jahr. Das ist gerade bei Preisen im höheren Bereich oft die vernünftigere Entscheidung.
Genau dort zeigt sich, warum die Tabelle nur der Anfang ist: Sie gibt Orientierung, aber sie ersetzt weder den Produzenten noch die Herkunft noch den eigenen Geschmack.
Worauf es bei Bordeaux am Ende wirklich ankommt
Die Bordeaux-Jahrgangstabelle ist kein Endurteil, sondern ein Werkzeug. Sie zeigt dir, welche Jahre große Chancen bieten, welche eher selektiv zu behandeln sind und welche Stilistik du erwarten kannst. Für 2026 würde ich mich vor allem an 2022, 2020, 2019, 2016 und 2010 orientieren, ältere Jahrgänge aber nur mit Blick auf Zustand und Herkunft kaufen.
Am Ende gewinnt nicht der angeblich beste Jahrgang, sondern die Flasche, die zu deinem Geschmack, deinem Zeitplan und deinem Budget passt. Wer Bordeaux so liest, trinkt entspannter, kauft sicherer und merkt schnell, dass eine gute Jahrgangstabelle vor allem eines sein sollte: ein praktischer Kompass, kein Dogma.